Nachhaltigkeit
Impulse für nachhaltige Städte und Gemeinden aus der Zentralschweiz
Die Bloodhoundanlage im Luftbild zeigt die Dimensionen der Anlage auf dem Gubel. Foto: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / DES_01-0326-03
Die letzte erhaltene BL-64-Feuereinheit auf dem Gubel erzählt von Technik, Bedrohung und sicherheits-politischem Denken einer vergangenen Epoche.
Mit der Indienststellung des Fliegerabwehr-Lenkwaffensystems BL-64 «Bloodhound» im Jahre 1964 betrat die Schweizer Luftverteidigung eine neue technologische Dimension. Erstmals war die Armee in der Lage, feindliche Flugzeuge in grosser Höhe und auf weite Distanz vom Boden aus zu bekämpfen. Mehr als ein halbes Jahrhundert später ist die einzige vollständig erhaltene Bloodhound-Feuereinheit auf dem Gubel in Menzingen ein einzigartiges militärhistorisches Denkmal – und ein eindrückliches Zeugnis sicherheitspolitischer Realitäten des Kalten Krieges.
Die Einführung des Bloodhound-Systems fällt in eine Zeit weltpolitischer Spannungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg teilte sich die Welt in Machtblöcke, und der Luftraum gewann als strategischer Faktor zunehmend an Bedeutung. Moderne Kampfjets, Bomber und später auch nukleare Trägersysteme stellten neue Bedrohungen dar. Für ein neutrales Land wie die Schweiz bedeutete dies, die eigene Lufthoheit glaubwürdig verteidigen zu können – unabhängig von Bündnissen. Die Wahl fiel auf das britische System «Bloodhound Mk II», das zu den leistungsfähigsten bodengestützten Luftabwehrsystemen seiner Zeit gehörte. Entwickelt wurde es ab den 1950er-Jahren in Grossbritannien. Charakteristisch war die Kombination aus leistungsstarken Startboostern und einem Staustrahltriebwerk für den Marschflug, das der Lenkwaffe hohe Geschwindigkeit, grosse Reichweite und lange Einsatzdauer verlieh. Zielerfassung und Lenkung erfolgten radarunterstützt – ein technologischer Meilenstein in der damaligen Flugabwehr. Zwischen 1963 und Ende der 1960er-Jahre entstanden in der Schweiz insgesamt sechs Bloodhound-Stellungen mit neun Feuereinheiten, verteilt über das Mittelland und den Jura. Jede dieser Einheiten war ein hochkomplexes Gesamtsystem: Dazu gehörten Werfer mit jeweils zwei startbereiten Lenkwaffen, Ziel- und Feuerleitradare, ein Kommandoposten, eigene Stromversorgung, Bunker- und Schutzanlagen sowie umfangreiche Übermittlungs- und Logistikinfrastruktur. Der Betrieb erforderte spezialisiertes Personal und permanente Einsatzbereitschaft.
Die Bloodhound-Stellungen waren eingebettet in ein umfassendes Luftverteidigungskonzept. Frühwarnsysteme überwachten den Luftraum, Kampfflugzeuge wie die Mirage III dienten als Abfangjäger, während die Boden-Luft-Lenkwaffen als letzte Verteidigungslinie fungierten. Dieses Zusammenspiel spiegelte den damaligen Stand militärischer Planung wider und verdeutlicht, wie ernst die Bedrohungslage eingeschätzt wurde. Trotz jahrzehntelanger Einsatzbereitschaft kam das System nie im Ernstfall zum Einsatz. Mit dem Ende des Kalten Krieges veränderte sich die sicherheitspolitische Lage grundlegend. Neue Bedrohungsformen traten an die Stelle klassischer Luftangriffe, und technologische Entwicklungen machten ältere Systeme zunehmend obsolet. Ende 1999 stellte die Schweizer Armee den Betrieb des Bloodhound-Systems ein.
Während die meisten Anlagen zurückgebaut oder verschrottet wurden, blieb auf dem Gubel in Menzingen eine komplette Feuereinheit erhalten. Im Jahr 2000 wurde sie unter Denkmalschutz gestellt – ein Entscheid von grosser historischer Tragweite. Seither wird die Anlage von der Militärhistorischen Stiftung des Kantons Zug als Museum betrieben. Sie ist heute weltweit die einzige vollständig erhaltene Bloodhound-Feuereinheit in ihrem ursprünglichen Kontext. Ein Rundgang durch die Anlage vermittelt einen unmittelbaren Eindruck von der technischen und organisatorischen Komplexität des Systems. Besucherinnen und Besucher erleben originale Radaranlagen, Startvorrichtungen, Bunker und Kommandoeinrichtungen und erhalten Einblicke in den Alltag der Soldaten, die hier während Jahrzehnten Dienst leisteten. Dabei wird deutlich, dass hinter der nüchternen Technik immer auch Menschen standen – mit Verantwortung, Disziplin und dem Bewusstsein, im Ernstfall an vorderster Front zu stehen. In einer Zeit, in der moderne Luftverteidigung zunehmend digital, vernetzt und automatisiert ist, wirkt die Bloodhound-Anlage fast archaisch. Gerade darin liegt ihre besondere Aussagekraft: Sie macht sichtbar, wie rasch sich Technologie verändert – und wie eng militärische Entwicklungen mit politischen, gesellschaftlichen und ethischen Fragen verknüpft sind. Die Anlage auf dem Gubel ist damit weit mehr als ein technisches Relikt. Sie ist ein Ort der Erinnerung, der Reflexion und der historischen Bildung.
Mohan Mani
Mehr Infos: www.mhsz.ch
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